Home’s where your heart is

Mit viel zu vielen Dingen arrangiert man sich mittelfristig, wenn man in einem Haus wohnt das älter ist als, naja – lass es die Grünen sein. Wir zum Beispiel wohnen ziemlich weit oben, im 5. Stock eines Friedrichshainer Mittelaltbaus, und haben keinen Fahrstuhl. Da würden selbst durchtrainierte Leistungsportler, die nicht rauchen, nicht trinken und nur Anabolika nehmen, schnaufen — gesetzt den Fall, wir würden so ein Gesocks empfangen. Noch besser: Wir haben keinen Türsummer. Also so einen Knopf an der Wand, meist mit einer Sprechfunkanlage verkuppelt, der wenn man draufdrückt veranlasst, dass sich der Besuchende vor der Haustür nur gegen selbige zu stemmen hat und drin wäre. Nein, wir müssen extra auf den Balkon gehen und einen gut verpackten (Handschuh bzw. alter Wollstrumpf) Ersatzschlüssel so herunterwerfen, ich betone erneut: fünfter Stock!, dass er nicht mit einem der unteren Fenster / Fensterbänke, einem parkenden Auto oder dem Kopf des Besuchers kollidiert. Starke Winde an der Häuserfront lassen dies meist zu einem Vabanquespiel werden. Wenn der Einlass Begehrende dann noch so megaschlau ist, den Schlüssel mit der Hand zu fangen, will man ihm

Freier Fall

zurufen und „Du Hirni“ hintendran, aber dafür reicht die Zeit dann doch nicht. Bei manchen Gästen (Paketdienste, förmliche Besuche, Pizzabringdienste, allgemein mit dem Modus Operandi unvertraute Personen) geht nichtmal das Schlüsselrunterwerfen und man muss mit einem Affenzahn herunterstürmen, damit die nicht denken, man sei nicht da, denn selbstverständlich hören die es nie, wenn man vom Balkon Momäääähänt, bin gleich unten! runterbrüllt. Da bleibt meist nicht mal Zeit, eine Schicht Socken zwischen Schuh und Fuß anzulegen, was im Sommer Blasen verursacht. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass der Türsummer fehlt, denn gegen dieses schmandtige Etwas von einer Tür sollte sich sowieso niemand lehnen.

tuer

Nein, an diesen Verzierungen sind nicht wir schuld. Auch nicht an den hin und wieder den Eingangsbereich etwas seltsam riechen lassenden Spuren von Harn — das sind wahlweise irgendwelche blöden Hunde oder noch blödere Suffkis, die sich unbedingt gegen unsere Haustür erleichtern müssen. Besonders schlimm ist das bei der einmal jährlich stattfindenden Biermeile, auf der sich sämtliche VoKuHiLas aus Berlin und Umland direkt um die Ecke akkumulieren und ihre eigene Entartung zelebrieren. Aber auch unser Hausflur macht keinen soliden Eindruck: Im, ich nenn das jetzt mal so, Vorraum befinden sich ca. 96 mehr oder weniger mobilitätstüchtige Fahrräder, unter anderem mein Klappergestell mit verwegenem Platten am Hinterrad. Ein Nazi und ein wackerer Antifaschist liefern sich an der Wand ein Wortgefecht, das inhaltlich an jeden Tom Gerhard-Film, optisch in seiner Verwirrt- und Verschachteltheit an jedes Hundertwasserhaus der Welt heranreicht.

Blumen im Hausflur

Das Treppenhaus verzieren halb heruntergerissene oder wellig an der Wand klebende Tapeten sowie eine sinnlose, lückenhafte Holzleiste, die mir bereits Jacken und Oberbekleidung in dreistelligem Wert perforiert hat, weil man manchmal ja auch unachtsam (betrunken) ist und die Wand streift. Steinalte, aus DDR-Illustrierten herausgetrennte und lieblos an die Stromzählerkästen gepappte Stilleben mit Blumen und Bergpanoramen runden das Bild ab.

Spricht uns jemand auf all diese Misstände an, so ist die Standardantwort „Immerhin ist die Miete billig“ um hastig anzufügen „Und ein Puhdy hat hier mal gewohnt“. Das wissen wir, weil ziemlich genau in der Woche als wir einzogen, das Foto eines traurig dreinblickenden Mannes eine ganze Seite im lokalen Revolverblatt „Berliner Kurier“ füllte, der auf unser Haus wies — direkt daneben in dicken Lettern Maschine von den Puhdys: „Hier misshandelte mich mein Vater die ganze Kindheit hindurch“. Oder so ähnlich. Als Omen haben wir das mangels Aberglauben, aber auch weil man da ja durchdrehen würde, nicht genommen. Insgesamt ist es ein wenig beängstigend, das S. und ich dieses Haus trotzdem lieben. Unsere Wohnung ist denn auch mit ihrer okayen Einrichtung, den zahlreichen selbst gezimmerten Katzenkratzbäumen und der manchmal herrschenden Ordnung eine Art Kulturschock, wenn einer uns besucht. Man könnte meinen, alles sei ganz normal. Aber solche Geschichten wie die komplizierte Türöffnungsstrategie strafen diese Annahme doch Lügen.

Manchmal, nur ganz manchmal, wird eines dieser Provisorien beseitigt. Das ist dann erleuchtend. So wie neulich, als uns der Messias erschien in Form eines Handwerkers im Sanitärbereich und zum ersten Mal wirklich gründlich die Therme unserer Gasetagenheizung reinigte. Dies hatte zur Folge, dass aus dem dünnen Strählchen Wasser, dass im Winter erstmal eine halbe Minute benötigt, um halbwegs lau zu werden — wir hielten das für durch die Wohnhöhe und einen dadurch irgendwie verminderten Druck verursacht — ein gleißender Strahl prallen, heißen Wassers wurde. Zu keiner Laffi-Eigenschaft bekenne ich mich so freimütig wie zu der, ein Warmduscher zu sein. Als ich nun zum ersten Mal nach dem Handwerkerbesuch unter der Dusche stand, den Hebel der Mischbatterie auf „Mitte“ stellte und ein immer noch brennend heißes Nass meinen bebenden Körper benetzte, da fühlte ich etwas, das wohl so etwas war wie Magie und ich bedankte mich still bei diesem Haus, das uns in sich duldet und den Potentialen, die noch in ihm stecken mögen, an die aber keiner zu denken wagt.