Jenseits der Stille

Die harten Themen sind meine Sache gerade nicht. Ständig fange ich den revolutionär-umstürzerischen Artikel an und höre dann auf, wenn der innere Artikel-Statusbalken bei so zwischen 60 und 80 Prozent liegt. Und das ist natürlich total masochistisch. Wenn Bloggen immer auch ein bisschen Ausbluten ist, und ich finde, diese Metapher triffts ganz gut, dann habe ich das Gefühl ständig Eigenblut für die Produktion eines dieser momentan abartigerweise sehr beliebten Folterpornen wie Saw und Hostel zu spenden. Die Motivation ist zwar da, aber sie verraucht auch viel zu schnell wieder. Es geht irgendwann einfach nicht mehr weiter. Ich weiß, was ich schreiben will und dass es wichtig wäre. Aber ich höre einfach auf. Warum?

Könnte es daran liegen, dass die Pamphlete keinen Widerhall finden? Zumindest die unterbewusste Angst davor, dass das mit Elan und Pfiffigkeit gespickte Manifest über ein Thema, das gerade mittendrin im Zeitgeist liegt, alleine deswegen nicht rezipiert wird, weil es schnöderweise zu lang ist? Vielleicht. Klaro, der Trick ist die Verpackung. Sicher nicht nur in diesem Weblog sind die beliebtesten Artikel beinahe ausnahmslos jene gewesen, die eine anekdotenartige oder anderweitig auf den Punkt komprimierte Aussage zack-mitten-in-die-Fresse präsentierte. Oder ein schickes Bild, das ich mit meinem uralten Grafikprogramm zusammengezimmert hatte, das eine klare Aussage auch optisch rüberbrachte. Wobei Beliebtheit anhand von Klickzahlen zu messen auch ganz schön albern ist. Überhaupt, was ist das denn für ein Maßstab, Beliebtheit. Um ehrlich zu sein, ein wichtiger. Wer dauerhaft bloggt und das leugnet, der, nun ja… leugnet. Vielleicht sollte man es positiver formulieren: Auch beim Bloggen strebt man nach Anerkennung. Aber die Zweifel, die Furcht davor, Mist zu fabrizieren, die Substanz hinter der Verpackung zu vernachlässigen, oder noch schlimmer: etwas Gutes fabriziert zu haben, das kein Aas interessiert, können eine große Hürde sein. Wenn ich mir die Artikel, die ich vor einem Jahr verfasste, anschaue, finde ich in dieser Furcht auch eine gewisse Berechtigung.

Liegt es daran, dass mein Anspruch an einen guten Text zumindest der ist, alles so wasserdicht zu machen, alle Aspekte zu bedenken und mögliche Gegenargumente vorwegzunehmen, auf dass sich der Kern der Sache ausdehne wie ein Marshmallow in der Mikrowelle? Du ahnst ja nicht, wie oft und intensiv ich an einem einzigen Satz feilen kann, bis ich zufrieden bin mit ihm. Mein Perfektionsanspruch – formal und inhaltlich – tendiert da in der Tat zur Pedanterie. Und das ist natürlich das Allerbescheuertste, wenn deswegen die Artikel nie fertig werden.

Bloggen ist für mich ein Hobby, besser gesagt: Meine Meinung zu formulieren und das Risiko einzugehen, diese in die Öffentlichkeit zu stellen ist mein Hobby. Vielleicht sogar etwas mehr als das. Bloggen ist der Kanal, die für mich optimale Lösung, dieses Ziel zu erreichen. Da gibt es selbstverständlich Ambivalenzen, weil der beste Schreibstil der ist, der sich nicht an Publikum wendet, andererseits aber so viele Dinge – alleine rechtlich – bedacht werden müssen und ja auch aus irgendetwas die Motivation für Kontinuität geschöpft werden muss. Manchmal fehlt mir das entsprechende Gleichgewicht.

Momentan befinde ich mich anderswo in Aktivitäten, die mir abverlangen, ein Sperrfeuer aus Kritik, Bosartigkeit und Häme ertragen zu müssen und zwar dauerhaft. Eine Situation, die ich in ihrer Härte grundsätzlich unterschätzt habe. Und das ist mein letzter Punkt. Die Streuung meiner Blogaktivitäten und die damit einher gehenden Verpflichtungen. Ich habe mir einfach zu viel aufgehalst. Ich bewundere Menschen, die ihr Engagement zur Gänze in den Dienst einer einzigen Sache stellen, der Beackerung eines Themenfeldes in allen Facetten widmen, aber meine Sache ist das nicht. Mich hält sowas auf, in dem was mir privat zu formulieren wichtig ist. Aus Pflichten bzw. Verpflichtungen werden mir viel zu schnell Blockaden. Das ist der Grund, warum ich jetzt den einen oder anderen Einschnitt vornehme.