Juhu: RFID in meinem Studentenausweis

puck

Als ich vor zweieinhalb Jahren anfing zu studieren, gehörte ich zur ersten Generation Studenten, die die glorreiche „PUCK“ bekamen. Jene Potsdamer UniversitätsChipKarte“ (never trust a Binnenmajuskel) galt seinerzeit „nur“ als Ticket, welches großzügigerweise zur Benutzung des gesamten Berliner und Brandenburger Nahverkehrs berechtigt, mit der man in der Bibliothek ausleihen kann und Studienbescheinigungen an Terminals ausdrucken. Auf der Karte befand sich ein Strichcode und der augedruckte Gültigkeitszeitraum des Nahverkehrtickets. Als Erstsemestler, der arglos in eine völlig unbekannte Welt eintaucht, macht man sich über Sachen wie Datenschutz erst einmal überhaupt keine Gedanken – mal ehrlich, wer könnt’s mir verdenken?

Etwas misstrauisch wurde ich schon, als ich irgendwann zwischen Tür und Angel das Gerücht vernahm, in der Karte sei ein RFID-Chip (sprich: Arfid-Tschip), also eine passive Radiowellen-Sendeeinheit, integriert. Ein solcher erlaubt es, grob gesagt, ein Signal und damit Daten zurückzusenden, wenn sich ein passender Sender in der Nähe des Chips befindet. Dazu, und das ist die eigentliche Revolution, benötigt der Chip keine eigene Stromquelle. Diese Technik hat ohne Frage ein großes Potential – für die Logistik etwa oder für entlaufene Haustiere, denen die Dinger heute schon unter die Haut implantiert werden – aber die Gefahren sollten dabei nicht unterschätzt werden. Man weiß nicht, wann, wo und von wem die Daten ausgelesen werden können, wer diese Daten mitloggt, speichert, etc. Mehr zur RFID-Problematik beim FoeBuD e.V.

Ich war im Stress seinerzeit und verkramte die Sache erstmal wieder in hinteren Hirnregionen. Irgendwann erreichte mich jedoch eine Informationsmail über den Uni-Verteiler, in der die tollen neuen Möglichkeiten des Studierenden- Studentenausweises geschildert wurden: Als Bezahlungsmittel für die Mensa sollte sie demnächst verwendet werden können, als Kopierkarte und „Geldbörse für kleinere Beträge“. Bei Fragen sollte man sich vertrauensvoll an die Website oder gleich per Mail an die zuständige Stelle wenden. Weil in der Mail keinen und auf der Site ausser der leicht zu überlesenden Andeutung einer Andeutung

in den FAQ keinerlei Hinweise zu RFID gab (und übrigens auch heute, ein knappes Jahr später, noch nicht gibt), schrieb ich am 10. Juni 2006 eine kurze Mail:

Hallo,

ein paar ganz kurze Fragen zur PUCK-Karte,

stimmt es, dass sich auf der PUCK-Karte ein RFID-Chip befindet?
Falls ja, zu welchem Zweck? Und: besteht die Möglichkeit, dass ich meinen Studierendenausweis ohne diesen bekomme bzw. umtauschen kann?

Mit freundlichen Grüßen,
[maloXPs Realname]

Eine Antwort bekam ich nie.

Als ich nun vor ein paar Tagen an eines der Uni-Terminals ging, um den üblichen Semesteranfangs-Papierkram zu erledigen, wurde ich – anders als früher – aufgefordert, die Karte auf eine Vorrichtung zu legen. Früher musste ich meine Karte in einen Schlitz stecken. Das Irritierende: Der Schlitz existiert weiterhin und um das Nahverkehrsticket zu „updaten“ (die Gültigkeitsdauer wird draufgedruckt), muss ich die Karte auch hineinschieben. Die Vorrichtung zum „Drauflegen“ der Karte wurde zusätzlich auf den Automaten geschraubt. Jedenfalls: Es dämmerte mir. Zum dritten mal dämmerte es mir – aber jetzt erst wurde ich mir der ganzen Tragweite bewusst. Da ist tatsächlich so ein kleines Mistding in meinem Kärtchen!

Das Verhalten meiner Alma Mater war/ist nun gleich aus zwei Gründen unter aller Kanone:

  1. Mit diesem Overkill an technophiler „Aufrüstung“ wird Kohle verjuckelt, die man auch anders hätte verwenden können. Geradezu sinnbildlich kann man den Automaten sehen, dessen Kartenschlitz weiter funktioniert, der aber unbedingt mit einem RFID-Leser ausgerüstet werden muss. Warum? Hat es vorher nicht funktioniert? Die Tatsache, dass man Studentenausweis und Kopierkarte vorher dezentral, also in doppelter Ausführung bei sich führen musste, ist meines Erachtens ein Luxusproblem. Das E-Payment-System in der Mensa müsste schon „gewaltsam“ eingeführt werden, damit sich die Massen dran gewöhnen. Warum? Na, vorher ging’s doch auch. Never change a running System, denkt sich die konservative Masse, hat damit ausnahmsweise mal recht und wird weiterhin fröhlich Bargeld blechen. Und wenn irgendwann Kartenzahlungszwang herrscht, spart der Caterer (welch Wort…) damit vielleicht einen oder zwei Kantinen-Arbeitsplätze ein? Cool ey. Danke, RFID, für deinen Beitrag zur „Rationalisierung“.
  2. Dann wäre noch die miserable Informationspolitik der Uni Potsdam zu nennen. Fast gewinnt man den Eindruck, bei der Einführung und Dokumentation sollte um jeden Fall die Verwendung des datenschutzrechtlichen Reizworts „RFID“ vermieden werden. Und genau das hat geklappt: Zweieinhalb Jahre lang liefen mehr als zehntausend Studenten, Dozenten und Uni-Mitarbeiter ahnungslos mit einem Chip an ihrem Körper herum, auf dem jeder, der mit den technischen Möglichkeiten ausgerüstet ist, persönliche Daten auslesen kann. Und welche Daten sind das?
    rfid datenschutz
    (Quelle: PUCK Projektbeschreibung)
    Richtig. Nur der Name plus Geburtsdatum plus Matrikelnummer. Als ob ich anhand dieser Daten nicht eindeutig identifizierbar wäre. Als ob es das normalste der Welt wäre, dass jeder Popanz, der meinem Porte… Portmo… meinem Geldbeutel zu nahe kommt, meinen Namen erfährt, wie alt ich bin, dass und wo ich studiere. Und wie schön auch, dass einem gleich versichert wird, man müsse sich keine Sorgen machen, nach dem Gusto: Keine Panik, du Berufsparanoiker, wir denken für dich. Meiner Meinung nach wäre als vertrauensbildende Maßnahme die Angabe solcher Daten wie Sendeleistung des Chips oder Angaben zur Verschlüsselung angebrachter. Aber: nix.

Und nun? Ich werde mir jetzt erstmal eine lustige Hülle aus Alufolie basteln, dann sehe ich weiter. Dauerhaft praktikabel ist das natürlich nicht, weil man die Karte ja ständig braucht. Verständnis für die RFID-Problematik bei meinen Kommilitonen erwarte ich ehrlich gesagt nicht. Und unser AStA wird dem Ruf eines studentischen Kontrollgremiums nicht gerecht – das einzige was man von dem momentan wahrnimmt, sind die Schlammschlachten zwischen den Fraktionen. Sieht so aus, als ob es in der Behausung des Frosches wieder ein Grad wärmer geworden wäre.

[Update] Bitte auch lesen: Den Kommentar von hs.