Niedrige Wahlbeteiligung: Ich find’s eigentlich ganz okay.

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Mich hat bei der heutigen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gefreut, dass in der Berichterstattung ausnahmsweise nicht die ewiggleiche Litanei von der miesen Wahlbeteiligung angestimmt wurde. Wenngleich das natürlich noch kommen kann, denn 60kommairgendwas Prozent ist ja wirklich nicht sonderlich viel. Mich nervt nämlich eines bei Wahlen allgemein: Dass in den Medien von der Tatsache, dass sich eben nur sechs von zehn Menschen dazu entschlossen haben an die Urne zu schreiten, auf einen gesellschaftlichen Missstand geschlossen wird. Es wird ein Riesenbohei darum gemacht, dass ja alle ihre Stimme abgeben, denn das ist ja nun mal Demokratie©. Mir geht der Titelseitenkitsch auf den Senkel, bei dem Prominente aller Branchen den Bürger auffordern, sein Kreuzchen zu machen und ich mag es auch nicht, wenn nach der Verkündung der Ergebnisse Politiker mit besorgten Mienen auf die schlechte Wahlbeteiligung verweisen (oder gar ihre miesen Ergebnisse damit rechfertigen zu versuchen, dass die eigenen Wähler diesmal ja zuhause geblieben seien).

Tatsächlich kann Nichtwählen ein Ausdruck politischer Reife sein. Ich behaupte sogar, dass keine Traumwahlbeteiligungen wie die 99,98% in diktatorischen Regimes zu haben, eine Errungenschaft der Demokratie ist. Warum ich das finde, möchte ich kurz erklären.

Zunächst einmal ist Politikverdrossenheit ein impliziter Vorwurf. Wer „verdrossen“ sagt, meint damit „desinteressiert“. Ich finde diesen Vorwurf vermessen, denn niemand kann von irgendeinem Mitglied unserer Gesellschaft verlangen, Interesse an einem Topos X zu besitzen. Ich selbst interessiere mich zwar für Politik, aber nicht für Geländewagen. Mein gedachter Nachbar Ansgar interessiert sich hingegen für Geländewagen, aber nicht für Politik. Außerdem züchtet er wunderschöne Tulpen, führt ehrenamtlich Hunde aus dem Tierheim aus und spendet — im Gegensatz zu mir — Geld für Erdbeben- und Hochwasser. Wer von uns beiden ist der bessere Bürger? Keiner. Wir sind beide einfach Bürger, es gibt da keine Qualitätsabstufungen.

Um das Ganze noch weiter auf die Spitze zu treiben: Ansgar interessiert sich nicht für Politik und er hat auch kein Interesse, das zu ändern. Aber er wird medial bekniet, wählen zu gehen. Ihm hängt seine Mutter in den Ohren, dass er doch seine „Bürgerpflicht“ erfüllen müsse. Wen soll er denn wählen? Denjenigen, der vom Wahlplakat am schönsten herablächelt? Denjenigen, den ich ihm sage? Eine Protestpartei?

Mal ganz ketzerisch gefragt: Warum sollte er nicht einfach seinen Sonntag genießen, ohne von Wahlkram behelligt zu werden? Frühstücken Brunchen, die Hunde ausführen, dabei das Wahllokal links liegen lassen, Sportschau gucken, aber wenn die Elefantenrunde losgeht gähnend auf Pro 7 umschalten? Wäre es wirklich besser, wenn sich Ansgar mit seinen Hunden in die Wahlkabine zwängen würde und sein Kreuzchen bei dem Kandidaten machen würde, der ihn mit seinem Perlweißgrinsen am meisten beeindrucken konnte?

Nein, ich finde es absolut vernünftig, wenn sich Ansgar dazu entscheidet, nicht zu wählen. Denn es zeichnet jemanden aus, wenn er sich eingestehen kann, keine Ahnung von einem Thema zu haben und die Entscheidung lieber denjenigen überlässt, die sich damit auskennen — in diesem Fall politikinteressierteren Zeitgenossen wie mich.

Ein Argument derjenigen, die niedrige Wahlbeteilungen schmähkritisieren ist ja, dass Nichtwähler die radikalen Parteien indirekt unterstützen würden. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, denn bei 4 von 100 Wählern hat eine Idiotenpartei wie Pro Deutschland mit 4% einen geringeres Wahlergebnis als bei 4 von 50 Wählern mit 8% und angeschlossenem Parlamentseinzug.

Aber so eine Wahl ist nun mal auch ein Stimmungsindikator einer Gesellschaft und kann Signale senden. Zum Beispiel: Diese Gesellschaft hat ein Idiotenproblem. Nein, ich möchte natürlich nicht, dass es Idiotenparteien in die Parlamente schaffen, aber man sollte eben auch nicht ein Idiotenproblem mit der Mobilisierung von nichtsahnendem „Stimmvieh“ wegzukaschieren versuchen. Ob eine Idiotenpartei im Parlament ist oder nicht ändert nichts daran: Es gibt Wähler dieser Parteien und in der Mehrzahl dürften sich Idioten nicht von der Idiotie abbringen lassen, nur weil ihre Partei es nicht in den Plenarsaal geschafft hat.

Außerdem sollte man eines nicht vergessen: Es werden nicht nur extreme Parteien durch eine niedrige Wahlbeteiligung bevorteilt, sondern kleine Parteien im Allgemeinen (und dazu muss man ja nun wohl auch die FDP zählen). Ich halte es ja für eigentlich sehr gut, dass unser Land ein so breites Parteienspektrum besitzt, im Gegensatz zu Staaten wie Großbritannien und die USA. Bei uns können auch mal fünf Parteien in einem Parlament sitzen, hier kann immer etwas in Bewegung kommen, in Deutschland haben auch neue und frische politische Bewegungen wie die Piratenpartei ihre Chance, sich zu beweisen. Und wenn niedrige Wahlbeteiligungen das befördern — warum nicht? Danke, deutscher Parlamentarismus!

Foto: Steamtalks (cc)