Rassismus

Wenn ich durch den Edeka flaniere, um Lebensmittelvorräte aufzustocken, bleibt mein Blick häufig am Zeitschriftenregal hängen. Neulich war Objekt meiner lüsternen Sehgeräte die „konkret“. Auf der Titelseite angepriesen wurde ein Kommentar von Kay Sokolowsky mit dem Titel „Fitnazis“. Ich wagte ein Blick in das Heft, das ich sonst eher, nun ja, rechts liegenlasse und las mir den Artikel durch. Was soll ich sagen? „konkret“, ja genau – die konkret, greift mit durchaus scharfen Worten die jüngste Ausstülpung kulturellen Rassismus‘ auf, wirft — meines Erachtens gerechtfertigt — Broder, Ulfkotte, Wilders, PI und deren Satelliten wie die wohlbekannte „Grüne Pest“ in einen Topf und kritisiert das, was bei diesen Leuten auch kritisiert gehört: Eine sich selbst Islamkritik schimpfende Folie altbekannter antisemitischer Denk- und Agitationsmuster. Ich war sprachlos, zumindest für kurz. Dass der Autor nicht ganz recht hat, wenn er behauptet, dass sich der kürzlich durch eine „Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit“-Äußerung in Bezug auf den NS hervorgetan habende Broder nicht von PI distanziert hätte (das hat er getan, wenn auch sehr halbherzig), sei ihm verziehen. Es weckt ein bisserl Hoffnung, wenn selbst die Antideutsche den braunen Ton so langsam hört. Der Artikel steht im aktuellen Heft 05/2008, aber leider nicht online zur Verfügung.

A pro pos: lantzschi schreibt darüber, wie es ist, in einem Artikel von PI als das aktuelle Projektionsobjekt deren Ideologie einer Weltverschwörung von „linksgrünen Gutmenschen“ und „Islamofaschisten“ präsentiert zu werden. Selbstverständlich wissen die — haha: — Singapurischen oder Hongkongolesischen Betreiber des rassistischen Hetzblogs um den Effekt, den die Veröffentlichung persönlicher Daten von als „Feind“ Identifizierten im Blog hat. Der Kommentarmob betreibt das, was eine etwas ausgelutschte Phrase als Psychoterror beschreibt. Wirklich, es ist so. Sie können jeden fragen, dessen E-Mail- oder Webadresse zuletzt dort aufgeführt wurde, etwa Jens Jessen von der „Zeit“. Ja, da kotzt man sich mal so richtig aus im Schein der Anonymität, da tobt der Volkszorn im Schatten des großen, politisch ach so unkorrekten großen Onkels. Wenn man schon nicht mit Fackel über den Pariser Platz flanieren darf, dann doch wenigstens die eigene Gedankengülle in das Leben solcher Leute kippen, die etwas Unbedarftes gesagt und damit die Wut des reaktionären Spießbürgers heraufbeschworen hat. Dass es konstruktivere Wege gäbe, das eigene armselige Leben mit Bedeutung zu füllen, muss ich nicht gesondert erwähnen. Na gut, vielleicht doch: Aufforstung des deutschen Walds, Straßenreinigung, Suizid mit theatralischen Abschiedsbriefen.

Und wo ich schon mal beim Thema bin… Ich möchte gar nicht genau wissen, warum das jemand online stellt — Fakt ist, dass man über die gängigen Filesharingnetzen ohne Probleme an authentisches NS-Propagandamaterial kommt. Als ich jüngst für jemanden, der sie in der Tat nur für Recherchezwecke benötigt, ein paar Ausgaben des „Stürmer“ im PDF-Format zog und einen Blick hineinwarf, war ich baß erstaunt, welche rhetorischen Parallelen es doch zum Auswurf der bekannten islamohostilen Web-Kaffeekränzchen gibt.

Zum Beispiel, wenn es um vermeintliche Sonderrechte für die je verhasste Religionsgruppe geht:

Der Stürmer empört sich über jüdische Sonderrechte
„Der Stürmer“ 19/1942, S. 2

„So weit sind wir also schon!“ plärrte es sinngemäß auch PI, als dort die Meldung eines englischen Käseblattes aufgegriffen wird, wonach Muslimen für eine begrenzte Zeit (Ende des Ramadan) im Umfeld einer Moschee eingeräumt wurde, das Auto an Stellen abzusetzen, wo Parken eigentlich verboten ist. Eindeutig ein Beleg für die voranschreitende Islamisierung Westeuropas, gell?

Auch Propaganda gegen politische Feinde, denen eine „Versippung“ mit der verhassten und als evident schädlich gesehenen Volksgruppe nachgesagt wird, gab es damals schon. Im folgenden Artikel wird Königin Viktoria von England „nachgewiesen“, dass sie jüdischen Blutes sei, womit dem eitrigen eifrigen „Stürmer“-Leser natürlich alles klar ist:

Der Stürmer zu Königin Viktoria
„Der Stürmer“ 44/1942, S. 2 (Klick zum Vergrößern)

Da dürfte wohl nicht nur mir Barack Obama einfallen, der bei PI und Co. dadurch diskrediert werden sollte, dass er Muslim ist? War? Gewesen sein soll? und damit affirmativ in der Meinung der PI-Jünger per se nur ein Terrorist sein konnte. Natürlich ist das Unfug. Lustige Details und Nebenschauplätze bei politischkorrekt.info: (1) (2) (3).

Im folgenden Artikel schließlich versucht der „Stürmer“ seinen Lesern anhand von Talmudzitaten zu belegen, weshalb „der Jude“ ein durchtriebenes, doppelmoralisches Wesen ist…

Der Stürmer: Talmudzitate
„Der Stürmer“ 44/1942, S. 4 (Klick zum Vergrößern)

… was mich frappant daran erinnert, wie die selbsternannten Islamexperten um „Politically Incorrect“ immer wieder neue Zitate aus dem Koran zusammenklauben, aus dem Zusammenhang reißen und als Menetekel der dräuenden muslimischen Welteroberung präsentieren — ganz egal wie viele anderslautende Darstellungen der Wälzer beinhaltet oder welche Interpretationen die Schriftgelehrten anbieten. Mal ganz abgesehen, dass auch die Bibel so ihre „Stellen“ hat.

Es gibt dutzende dieser Ähnlichkeiten, die man entdeckt, wenn man „Politically Incorrect“ mit dem „Stürmer“ vergleicht. Von diversen Verschwörungsthesen über die ständig kolportierte Angst vor Überfremdung der eigenen, überhobenen „Leitkultur“, der für den Gegner stets unvorteilhaften Wahl von (Symbol-)Bildern, gehässigen Karikaturen, dem Feindbild der (im Stürmer-Kontext: ausländischen) Massenmedien, die die genannten Gefahren angeblich herunterspielten, bis hin zu den ständig wiederholten Mantras „Die Juden sind unser Unglück!“ und „Die Juden sind schuld am Kriege!“, die ihr dauerangestrengt polemisches Spiegelbild im Idiom „Islam ist Frieden“ und der Rede von den „Kültürbereicherern“ finden.

Ich will PI nicht mit dem „Stürmer“ gleichsetzen. Auch wenn so mancher User der islamohostilen Blog- und Forenszene nachgewiesenermaßen Selbstjustiz- und Pogromphantasien hegt, steht die NS-Propagandamaschinerie mit der Unverforenheit, ihre hasserfüllte Agitation selbst zu einer Zeit unverändert weitergeführt zu haben, als die Juden bereits in den KZs des Reichs wie am Fließband ermordet wurden, historisch für sich. Aber es gibt Parallelen in der Rhetorik. Und sie sind überdeutlich. Das alleine sollte bereits nachdenklich stimmen. Ich als Verfechter der freien Verfügbarkeit von, auch „bedenklichen“ historischen Quellen, kann jedem nur empfehlen sich selbst ein Bild zu machen.