Reflexion

ichGestern rief mir mein Arbeitskollege D. en passant zu, dass er einen Blick in mein Weblog geworfen habe, es sehr gut finde, sich aber frage, wo „der ganze Hass“ herkomme. Diese durchaus augenzwinkernd gemeinte Bemerkung hat mich ins Grübeln gebracht. Ob die Einträge in meinem Weblog wirklich von Abscheu und Zynismus gekennzeichnet sind? Oder milder, zumindest von einer gewissen Verachtung gegenüber anderen Menschen? Wenn ja, ob’s an mir liegt? Ob das nur bei bestimmten Themen der Fall ist, ob es an der ziemlich sparsamen Verwendung von Emoticons liegt (die mein Lächeln hie und da durchaus zu demonstrieren imstande sein könnten) oder ob D. einfach nur ein bisschen rumgesponnen hat?

Ich weiß nicht so recht, sehe aber eine Grundfrustration und -ohnmacht an mir und meinen Nächsten, beim Betrachten der Blender, Lügner und unemphatischen Realitätsverweigerer, von denen wir, von denen Menschen in anderen Teilen der Welt regiert werden. Es ist nur ein Eindruck und keinesfalls ausreichend um zwei gedankliche Pole – hier wir, da die Politiker – zu konstruieren. Es spricht vielmehr Bände über unsere Gesellschaft, dass solche Menschen gewählt werden. Die Vorstellung kultureller Überlegenheit des Westens, einer real-existierenden demokratischen Kultur, eines kollektiven Gedächtnisses, das in der Lage ist aus begangenen Fehlern zu lernen, halte ich tatsächlich für einen Trugschluß.

Die Realität, die abseits gewohnter Pfade stattfindet, konstruieren wir uns aus den Massenmedien, vor allem dem Fernsehen. Und dort bestimmen Programmchefs die Relevanz von Themen, die schon durch Nachrichtenagenturen und die Themenverteilung in den sogenannten Leitmedien gefiltert wurden. Unsere Realität ist also quasi-totalitär. Aber ich hole etwas sehr weit aus. Was mich in den letzten Tagen frustriert und fassungslos gemacht hat, möchte ich an ein paar Beispielen verdeutlichen:

  • Während gerade jetzt in diesem Moment Millionen von Menschen das „Martyrium“ (sic!) der Natascha Kampusch bei Chips und Bier beweinen dürften, interessiert es keine Sau, was der beinahe gleichzeitig aus Guantanamo freigelassene Murat Kurnaz erdulden musste. Stattdessen lassen wir’s dabei bewenden, man will ja keine alten Wunden (den transatlantischen Rücken nämlich) aufreißen, zumal’s ja doch nur ein Moslem ist.
  • Die Anti-Terror-Datei ist keine Datei, sie ist eine Datenbank. Das ist nicht nur ein gewisser Unterschied, sondern ein Euphemismus vor dem Herrn.
  • Der sogenannte Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung begutachtet die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und kommt sachverständig zu dem Schluss, dass 241 Euro im Monat zum Leben reichen. Schließlich ist das Problem der Hartz IV-Empfänger die fehlende Motivation, nicht das Fehlen von Arbeitsplätzen. Junge Junge, euch möchte ich mal von acht Euro am Tag leben sehen.
  • Indes wird ein ehemaliger Volksvertreter Dresdens wegen Untreue und Beihilfe zum Bankrott zu 14 Monaten auf Bewährung verurteilt.
  • Wenn Ehud Olmert politisch angegriffen wird, zeigt er schonmal sein wahres Gesicht: „Halb Libanon ist zerstört, und ihr sprecht von einer Niederlage?“ (Vor dem Verteidigungsausschuss der Knesset, zitiert nach: „Es ist eine Menge schief gelaufen“ – Die Debatte über die Fehler im Libanon-Feldzug bringt die israelische Regierung von Ehud Olmert zunehmend in Nöte. Inge Günther in der Berliner Zeitung, 6.9.2006)
  • Apropo wahres Gesicht: Was sich in der CDU für Weltbilder tummeln, zeigt sich mal wieder im Dunstkreis der E-Mail-Affäre.

„Nichts für ungut, lieber Herr Moser, ich würde Sie lieber heute als Morgen, und dazu ihren Sohn, den Bürgermeister Peter Moser, auf dem Scheiterhaufen brennen sehen, wenn wir die Zeit 514 Jahre zurückdrehen könnten.“

  • Währenddessen fragt sich die Boulevardjournaille, ob der Berliner Fernsehturm umkippen würde, wenn – warumauchimmer – ein Tornado entstünde.

Versteht mich einer? Ist das alles normal? Sie ist häufig bigott, diese Welt, und oft einfach scheiße. Fixiere ich mich nur auf die negativen Aspekte? Nun, Feelgood-Medien gibt es genug, gerade auch in der Blogosphäre. Ich möchte, klar, auch aufzeigen und verurteilen, weil das meine Methode ist, mit der daraus resultierenden Ohnmacht umzugehen, aber nur Hate Driven Content bei mir? Find‘ ich, stimmt einfach nicht. Ein guter Freund von mir engagiert sich bei den JuSos, ein anderer bei Attac. Wieder andere demonstrieren oder bemalen Wände. Ich blogge, nicht von Hass getrieben, sondern von Hoffnung. Okay, es ist wichtig, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, sie mit der Nase draufzustoßen, wenn sie nur den SPIEGEL lesen und zu blöd sind bestimmte Sachen zu sehen und Zusammenhänge zu erkennen, das ist aber nicht zynisch. Zitronengras ist dann und wann sarkastisch und hat auch gewisse Feindbilder, ist aber kein explizit politisches Blog. Warum auch? Manchmal ist die Alltagsabsurdität, die werte Befindlichkeit oder Cat Content wichtiger. Vergleicht man ZitrGr mit einer C&P-Dreckschleuder wie PI, gibt’s schon gewisse Unterschiede. Smilies