Thema Karikaturenstreit, immer noch und wieder

Ausgangssituation: Ein Beitrag im Blog von Stefan Niggemeyer, der sich mit Henryk M. Broder befasst. Ich verlagere meine Antwort auf diesen an mich adressierten Kommentar hierhin, weil es sehr OffTopic wurde und noch wird.

Ich fand es schlicht unmöglich wie der Westen im Karikaturenstreit reagiert hat — statt sich geschlossen hinter Dänemark zu stellen und auf die Pressefreiheit hinzuweisen, immerhin eine wichtige Säule unserer Demokratie, wurde sich entschuldigt und geschleimt, und französische Supermärkte hatten tatsächlich nichts besseres zu tun als dänische Produkte aus den Regalen zu nehmen. Hmja, als nächstes zitiert dann der Papst aus einer uralten Schrift, die den Islam als gewalttätig bezeichnet und prompt werden zur Bestätigung in islamischen Ländern Kirchen angezündet …

— Augusten — 11. Januar 2007, 20:56

Ich denke, Du machst hier zwei typisch brodereske (beabsichtigte?) Denkfehler. Der erste ist, Ehrverletzung und Provokation mit der Pressefreiheit zu entschuldigen. Das eine hat jedoch mit dem anderen nichts zu tun, sonst wäre auch jede BILD-Meldung legitim. Nur weil man die Freiheit hat, etwas zu tun, ist diese Handlung noch lange nicht moralisch richtig. Du gehst doch auch nicht in die Kirche und zündest Dir dort eine Zigarette an, oder? Obwohl Du es könntest . Der Grund ist Respekt. Nicht umsonst haben Meinungs- und Pressefreiheit im GG ihre Schranken in Würde und Ehre anderer sowie im Tatbestand der Volksverhetzung. Karikaturen dürfen natürlich immer mehr, aber wenn die Intention deutlich erkennbar nicht in Aufklärung (im weitesten Sinne) besteht, sondern nur Stereotypen bedient werden, ist das meiner Meinung nach keine Satire mehr, sondern Propaganda.


Meinungsfreiheit?

Der andere Punkt sind die hemmungslosen Verallgemeinerungen: „Der“ Westen auf der einen Seite, „der“ Islam auf der anderen. Ein Partikularphänomen wie die Proteste einiger Hundert oder Tausend gegen die Mohammedkarikaturen (die freilich auch von antiwestlichen Führern propagandistisch enorm ausgeschlachtet und ausgeschmückt wurden) wird als bezeichnend für den moralischen Zustand von mehr als einer Milliarde Menschen in verschiedenen Ländern, die unterschiedlich sind wie Tag und Nacht, aufgebläht. Wie würde es Dir gefallen, im Ausland von vornherein den Ruf zu genießen, sich am 1. Mai gerne Flaschen werfend mit Polizisten zu prügeln, weil Du ja Deutscher bist? Im Fall der Papstproteste war es sogar noch absurder: Tagelang gingen Bilder aus einem Dorf durch die Presse, die daraus mal wieder munter den Krisenherd islamische Welt herausfabulierte. Lustigerweise waren die Protestierenden ein kleiner Kreis solcher, die leidenschaftlich für oder gegen alles demonstrieren. Regelmäßig, als „Hobby“.

Dazu kommt in dem Themengeflecht die Überbewertung von Symbolen und symbolischen Handlungen. Viele lautstarke „Prowestliche“ beklagen sich, dass „die“ Muslime so pikiert wegen einer Nichtigkeit reagierten. Dabei reagierten auch „wir“ besonders stark auf Handlungen, die nicht minder symbolisch waren. Bevor nämlich Botschaften brannten und Menschen zu Tode kamen, reagierten viele hier schon sehr emotional auf einige verbrannte Fahnen. Wenn Meinungsfreiheit bei uns so weit geht, volksverhetzende Karikaturen zu tolerieren, sollten wir es auch ertragen, wenn anderswo ein wütender Mob unsere „Heiligtümer“ beleidigt.

Kann es nicht sein, dass einige hier mindestens genauso hysterisch reagiert haben? In dem Sinne finde ich die vielleicht etwas naiven Bemühungen einiger anderer, deeskalierend zu wirken (das Entschuldigen und Schleimen, wie Du es nennst), durchaus nicht unsymphatisch. Machos, die unverrückbar auf ihre einfachen Wahrheiten und festgemeißelten Freund- und Feindbilder insistieren, gibt’s schließlich schon genug – auf allen Seiten. Das, was achgut und Konsorten „Appeasement“ oder „Einknicken“ schimpfen, ist nur solchen Menschen peinlich oder albern, die nie gelernt haben Konflikte durch Kompromisse und Charakter zu lösen. Der neurotische Zwang von Männern in wichtigen Positionen, immer als der Stärkste auftreten zu müssen, keine Fehler eingestehen zu können, einen Kompromiss als Gesichtsverlust zu empfinden, hat in der Geschichte schon zu unendlich viel Leid geführt.