Wie arm sind wir eigentlich?

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Bild: Franco Foilini (cc)

Der von Olaf Scholz pre-releaste Armutsbericht beschäftigt die Gemüter. Und auch wenn noch niemand nix Genaues weiß, wird jetzt schon an allen Fronten relativiert. Am allermeisten von den, ja wie sag ich das jetzt am besten, Leuten, die vermutlich noch nie im Leben wirklich rumknapsen musste: Das wirtschaftsfreundliche Umfeld. Josef Joffe verweist in der „Zeit“, samt Sidekick auf die ach so Arbeitsplätze vernichtenden Mindestlöhne, auf die Neue Zürcher Zeitung. Jene argumentiert unter der Headline „Deutschland redet sich arm“ auf der gleichen Linie wie die Arbeitgeber-Agitprop-Veranstaltung INSM: Deutschland verteile hocheffizient um, die Armutsbemessungsgrenze sei aufrund des Einkommensmedians hoch wie kaum irgendwo anders, die Zahlen integrierten den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten beiden Jahre nicht, parteipolitischer Populismus sei das, und so weiter. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt schließlich insistiert auf die Feststellung, dass es in kaum einem Land weniger Armut als in Deutschland gebe. Jaja, der Herr Hundt… Der Herr Hundt.

Mit Statistiken kann viel Schindluder getrieben werden. Ganz zu schweigen davon, dass es selbst unter Sozialwissenschaftlern keine einheitliche Definition von Armut gibt. Man kann das Problem aber nicht einfach mit dem Hineinwerfen einiger selektiver Zahlen in die öffentliche Diskussion wegmarginalisieren. Es gibt eben auch gefühlte Armut. Wer hart arbeitet und trotzdem Sozialleistungen beantragt (was zudem viele aus Stolz nicht machen), der fühlt sich arm, auch wenn er über dem Existenzminimum lebt. Hartz IV ist ja nun zum Stigma geworden. Wer Sozialtransfers bezieht, der arbeite eben nicht hart genug, der strenge sich nicht genug an und ist neidisch auf alle, die besser dran sind, röhrt’s im Walde. Armut trotz Arbeit? Achselzucken der Priveligierten, uns geht’s ja gut, oder noch besser: Ich hab auch wenig Geld und komm trotzdem damit klar! That’s eben Capitalism. Sozialneid nach unten nenne ich das. Wenn die Angestellte im Friseurladen nebenan sich darüber beklagt, dass sie mit Hartz IV mehr hätte und sich über dessen Höhe beklagt (steht ja so auch in der „Bild„), aber nicht auf die Idee kommt, dass vielleicht auch ihr Lohn menschenunwürdig gering ist. Die keinen blassen Schimmer haben, welcher existenzbedrohenden Willkür man als Hartz IV-Empfänger ausgesetzt ist. Wenn der der Name der Arbeitsmarktreform gleichbedeutend mit dem Bild vom asozialen Sozialschmarotzer geworden ist. Ganz zu schweigen von Politikern, die öffentlichkeitswirksam immer neue Wege suchen, den Empfängern von sozialen Hilfeleistungen auch den letzten Rest an Würde zu nehmen: 0-Euro-Jobs, Wer nicht arbeitet soll auch nichts essen, die Menüvorschläge des Thilo Sarrazin, um nur einige zu nennen. Hartz IV ist Stigma, ist eben auch Ausdruck des sozialen Ausschlusses.

Zurück zum Problemfeld Statistiken. Mal abgesehen davon, dass jemandem, der Mitte des Monats nicht weiß, wie er sich den Rest des Monats ernähren soll, die genannten Zahlen von Hundt, INSM, IZA und Co wenig nützen, so wird auch mit dem Zahlenmaterial sehr viel herumgepanscht, in falsche Kontexte gesetzt, selektiv herausgegriffen. Tatasächlich profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung die wenigsten: Die Familien- und Kinderarmut vergrößert sich dramatisch, während das politische Entgegenwirken schöngerechnet wird. Deutschland ist nachwievor ein Land, in dem zum allergrößten Teil die soziale Herkunft darüber entscheidet, welche Bildungschancen ein Kind besitzt. Und auch die Arbeitslosenzahlen sollte man nur mit großer Vorsicht genießen.

Ein dringender Linktip zum Schluß: Der Spiegelfechter beleuchtet ausführlich und sachkundig die (sich stark ähnelnden) Argumente der Armuts-Abwiegler: Die INSM spint die Armut weg. Lesenswert!