Wie die Hühner auf der Stange

Ich werde gerade den Eindruck nicht los, dass unser wahrer Kanzler Oskar Lafontaine heißt. So wie sich die „Etablierten“ dieser Tage panisch versuchen, irgendwie abzugrenzen, müsste Lafo eigentlich nur laut das Gegenteil von dem äußern, was er wollte, und sein Wunsch stünde stantepede auf der SPD-Agenda. spdDa bringt die Linke etwa einen SPD-Vorschlag zum Mindestlohn ein und die interessanterweise immer noch in der „Sozialistischen Internationale“ organisierten Anstecknadel-Sozialdemokraten schreien „Argh, Pariah! Also wenn die das fordern…“ und wollen nicht mal mehr davon etwas wissen, dass sie mal zumindest sittenwidrige Löhne zu verbieten planten. Ganz besonders eifrig im Distanzierungswahn: Andrea Nahles, die aufgrund von zwei oder drei originär sozialdemokratischen Positionen überall als „Parteilinke“ abgefeiert wird – plötzlich aber gar nichts mehr vom Mindestlohn wissen will, wenn die Falschen ihn vertreten. Nun, die Koalition einigte sich auf einen Kompromiss, mit dem alle leben können – bis auf die Niedriglöhner. Und rate mal, wie sich olle Brummbär Beck, der für jedes Publikum stets die passenden Worte frisch aus dem Zuckerwatteautomaten zu holen in der Lage ist, jetzt an die Gewerkschaften ranschmeißt – na?

Als gemeinsames Projekt nannten Beck und (DGB-Chef Michael) Sommer gestern auch den Kampf für einen Mindestlohn in Deutschland. (Berliner Zeitung am 26.06.2007: „Lafontaine spinnt!“ )

Na dann kämpf mal schön, kleiner Don Quixotte. Auch Vizekanzler Müntefering ist wohl irgendwie dafür – indes plant die SPD in der Regierungskoalition, ebenfalls als Kompromiss, nur 500000000 (die Nullen darfste selber zählen) Euro Steuernachlässe für Risikokapitalgesellschaften zu gewähren, die plötzlich wieder „Private Equity“ heißen und nicht mehr „Hedgefonds“ – vielleicht weil’s zu sehr nach Heuschrecken klingt.

Lustig aber auch die Grünen:

Sie (Renate Künast) kritisierte, dass Lafontaine gnadenlos links- und rechtsextreme Positionen wechsle. So sei es zutiefst unsozial und populistisch, die Rücknahme der Rente mit 67 zu fordern. „Damit tritt er allen jungen Menschen in den Hintern.“ Beim geforderten Abzug aus Afghanistan dagegen übernehme Lafontaine rechtsextreme Positionen der NPD. „Das ist für die Grünen inakzeptabel“ (ebd.)

unterschied kuenast

Gut, dass die Hartz IV-Stemmer von den Grünen wissen, dass ich als nach 1964 Geborener mir in schierer Verzweiflung den getretenen Hintern reiben würde, hätte ich die Wahl zwischen geringerer Rente und zwei arbeitsamen Jahren zusätzlich nicht, die man in Künastscher Logik etwa mit der zwischen Schoko- und Erdbeertörtchen vergleichen kann. Unsozial sei es, zu fordern, dies abzuschaffen. Und wie! Einige Protagonisten in der privaten Versichererungswirtschaft könnten sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass man im Alter, selbst mit spritzigen 65 Jahren, heute keine Arbeit findet.

Interessant auch, was Künast noch sagte. Die Meinung, deutsche Soldaten hätten im Ausland nichts zu suchen, ist jetzt also eine rechtsextreme Position. Nun, mich wundert eigentlich nichts mehr, seitdem Filbinger ein Nazigegner war und die CDU nicht neoliberal ist. Bloß macht mir etwas Sorgen, dass wir ja jetzt mehrere zehn Millionen potentielle Neonazis (inklusive mir) im Land haben. Es leidet ja das „Image Deutschlands in der Welt“.

Bild „Künast makes the difference“: tillwe (cc)